KEINE CHANCE FÜRS SELBSREFERENZIELLE
OKTOBER 2018, TEIL II

Keine Chance fürs Selbstreferenzielle

Es bleibt wohl dabei: Das mit dem Selbstreferenziellen in meinem Galeristenalltag scheint irgendwie nicht hinzuhauen, sondern ein schnöder geistiger Diskurs zu bleiben. Im Rahmen der Ausstellungsvorbereitung eines niederländischen Künstlers fliegen die WhatsApp- Nachrichten hin und her. Beim Atelierbesuch hatte er vorgeschlagen, seine kleinen Leinwände auf einer an der Wand befestigten Leiste zu präsentieren. Eine Superidee! Ich schreibe ihm die Adressen von Baumärkten auf, wo er nach etwas Geeignetem Ausschau halten kann. Einige Tage später erhalte ich Fotos aus dem Bauhaus, er ist fündig geworden, die Aluleiste sieht super aus. Doch die möglichen Antworten auf seine bescheidene Frage seinerseits, wie er sie transportieren solle, halten uns ein paar Tage auf Trab. Zugesendete Telefonnummern von diversen Taxirufen führen leider nicht zum Erfolg. Warum, erfahre ich nicht, nur, dass ihm bei einer der Nummern gesagt wurde, dass sie zwar die Leiste transportieren, aber nicht ihn als Person mit seiner Leiste. Der Ball kommt also immer wieder zurück, so dass ich irgendwann einsehe, dass ich selbst mit einem Kurierdienst zum Baumarkt dazu stoßen muss.

Alles in allem wird es ein denkwürdiger skurriler Ausflug, bevor wir endlich mit dem Aufbau beginnen können. Wir sind vor dem Bauhaus im Wedding verabredet, ich fühle mich als Berlinerin wie ausgesetzt in dieser Gegend. Als ich aus dem Bus steige, donnern die Flugzeuge über meinen Kopf hinweg. Was für eine Strafe, wenn man in dieser Umgebung wohnt oder anderweitig seinen Alltag verbringen muss. Doch beim Bauhaus angelangt, steht dort der Ritter mit seiner Lanze vor der Tür, als wäre dies das selbstverständlichste von der Welt. Der Künstler und sein „shelf“, ganz schmal, aber eben ziemlich lang. Ich frage ihn nach der Anbringung, und da noch Löcher in die Leiste gebohrt werden müssen, um sie dann an die Wand zu schrauben, schiebe ich ihn wieder zurück in den Baumarkt, damit wir die richtigen Dübel, Schrauben und Metallbohrer kaufen. Beim Wiegen der Schrauben, ich fühle mich an Äpfel im Supermarkt erinnert, stelle ich mich an wie der erste Mensch, weil ich nicht die richtige Artikelnummer zur Eingabe finde. Die Nachfrage bei einem anderen Kunden hat den Blick „typisch Frau“ zur Folge, aber ich weiß dann wenigstens, wo ich die richtige Nummer finde. Der Kurierdienst war vorab bestellt, und der Ritter mit seiner schwarzen Jacke mit den orangefarbenen und blauen Streifen und ich stehen wartend auf dem Parkplatz mit Kentucky Fried Chicken nebenan, den eben erwähnten Fliegern über unseren Köpfen und einem mordsmäßigen Autoverkehr um uns herum. Wir stellen fest, dass wir bei noch nie bei Kentucky Fried Chicken waren. Wenn, dann wäre es heute der richtige Moment, denke ich. Kerosinwolken von oben, auf der Terrasse direkt neben dem Parkplatz sitzen einige Leute und knabbern aus den Plastikschalen ihre Hähnchenschenkel. Die Sonne scheint prächtig, Wir erzählen uns allerhand und amüsieren uns bombig, alles mit Lanze in der Hand. Wir lachen über unseren absurden Standort und ich beginne zu rappen: My shelf and me, me and my shelf. Der Künstler erzählt mir, dass er bei der BVG gefragt habe, aber Gegenstände in dieser Länge dürfe man nicht transportieren, zum Laufen sei die Strecke zu weit gewesen. Es liegt in der Logik dieses Tages, dass wir circa eine Stunde auf den Kurierdienst warten müssen. Immerhin werde ich zwei Mal angerufen. Beim ersten Mal werde ich von einer freundlichen Bürostimme noch etwas vertröstet, beim zweiten Mal ist es der Fahrer, der mit einem russischen Akzent spricht und ich frage mich, ob er wohl verstanden hat, wo wir genau stehen. Da kommt er tatsächlich, muss beim Einbiegen in den Parkplatz noch mal ein bisschen zurücksetzen, was auch die beiden Autos hinter ihm zur Reaktion zwingt. Der eine Fahrer springt sofort aus dem Auto und bedroht den anderen mit solcher Aggression, dass ich dazwischen gehe und dem Bedrohten rate, den Tobenden und Hände Erhebenden einfach zu ignorieren. Er bringt seine Hand auch schon verdächtig in Stellung, doch zum Glück steigt er wieder in sein Auto. Innerhalb von Sekundenschnelle entsteht eine Energie, mit der sie drüben ihre Hühner grillen könnten. Das shelf ist mittlerweile im Transporter, und wir können unsere fröhliche Fahrt beginnen. Der Russe entpuppt sich als Usbeke, der uns mit der Schilderung seiner Biografie einen kleinen Crahskurs Geschichte verpasst. Meine anfängliche Übersetzung ins Englische entpuppt sich als überflüssig, denn mein niederländischer Künstler kann den deutschen Erzählungen folgen, was mich beim starken Akzent des Berichtenden erstaunt. 1990 sei er aus Usbekistan mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn geflohen, er schimpft dabei fürchterlich auf Gorbatschow. Mich erstaunt das kolossal, weiß man doch, dass er den Fall der Berliner Mauer mit ermöglicht hat. Um die Demokratie einzuführen, habe er Kriege angezettelt. Ich halte mich mit Entgegnungen zurück, sitze ich da neben einem ehemaligen beinharten Kommunisten? Ich hab ja keine Ahnung, halte also lieber meinen Mund. Er sei Ingenieur gewesen, habe einen eigenen Fahrer gehabt und alles aufgegeben. Sechszehn Jahre lang habe er ein Reisebüro in Berlin gehabt, nun buchen die Leute im Internet, jetzt sei er Kurierfahrer. Seine Kinder haben hier studiert, seine Tochter spräche sieben Sprachen, ein Foto der Enkelkinder klebt an der Fahrertür. So rauschen wir durch den Verkehr der Großstadt, um noch die Bilder aus dem Atelier einzuladen. Ein echter Alltagsheld, der sich durchs Leben schlägt, denke ich und das Entscheidende ist, er sagt: „Ich bin glücklich“. Im Hintergrund werden über Funk weitere Touren angeboten, Abholung bei Monika Bonvicini höre ich. Ob sie auch Aluleisten zu transportieren hat?
Wir kommen tatsächlich noch an der Galerie an, stärken uns ein wenig und beginnen endlich mit dem Aufbau, der schneller geht, als die zuvor beschriebene Aktion.
Mit an den Nagel hänge ich endgültig alle Gedanken an Selbstreferenzielles.