Positions und Amsterdam Drawing
September 2016

Positions und Amsterdam Drawing aus der persönlichen Sicht einer Ausstellerin

Berlin art week, wie immer ist die Hölle los. Die entscheidende Frage für all die Kunstaffinen ist, für welche der vielen Eröffnungen, Dinner, Events, Ausstellungen, welche der drei Messen sie sich entscheiden. Ein Buhlen um Besucher und Interessenten, volle Mailaccounts, die unendliche Wahlmöglichkeiten bieten. Für die meisten wird klar sein, wo sie sich sehen lassen, die Netzwerke der places to be sind stramm geknüpft und lassen keine Zuwiderhandlungen zu.

Doch wie sieht das Ganze aus, wenn man selbst einen Messestand hat? Die Positions hat sich mittlerweile ein gutes Renommee aufgebaut, die Vorberichte sind positiv und so heißt es guten Mutes an den Start gehen. Der Vernissage-Tag ist sehr erfreulich, ein kleiner Verkauf, viele vielversprechende Gespräche werden geführt.
Es gibt Wiederbegnungen mit Menschen aus meiner Vergangenheit, die sich in keiner Weise für die Kunst auf unserem Stand interessieren, über die Vergangenheit sprechen wollen, sie wieder aufwühlen, statt sie ruhen zu lassen. Dann gibt es auch die, die man als Grafiker, Kunstvermittler, Finanzberater kannte, sie waren Käufer oder haben kleine Kunstvereine geleitet, man hat gemeinsame Projekte realisiert. Nun nach Jahren stehen sie vor einem und verkünden stolz: Ich bin jetzt auch Künstler.
Ich bin hier, damit die ausgestellten Arbeiten der Künstler wahrgenommen werden, aber das scheint eine sehr naive Vorstellung zu sein. In erster Linie werden die Arbeiten permanent fotografiert. Was machen die Menschen mit all diesen Aufnahmen, frage ich mich. Sind es Trophäen, die man nach Hause oder wohin auch immer trägt? Eine Besucherin kommt zum zweiten Mal an unseren Stand, dieses Mal in Begleitung. Ihrer Begleitung zeigt sie aber nicht etwa diejenigen Arbeiten, die ihr beim ersten Rundgang aufgefallen waren, sondern sie zeigt mit den Fingern auf bestimmte Werke und kommentiert: „Dieses habe ich auch fotografiert“. Sind sie damit geadelt, dass diese Dame sie jetzt auf dem I-Phone hat? Achtung, behalte deine Gesichtszüge im Griff, versuche ich mir verzweifelt zu sagen.
Als nächster kommt ein junger Mann, der Abbildungen aus einem Katalog fotografiert. Auf meine Frage, was er damit mache, antwortet er: „Die Strichführung ist richtig cool. Ich lerne.“ Fotografieren oder zeichnen möchte ich am liebsten fragen. Ob er wohl so einen eigenen Strich bekommt? Früher musste der Künstler dafür tage-monate-jahrelang im Atelier sitzen, immer wieder den Stift in die Hand nehmen. Scheint heute einfacher zu gehen.
Schön ist es auch, die Familien mit Kleinkindern zu beobachten, die über die Messe gehen. Eine etwa Dreijährige sortiert die Karten und Kataloge auf unserem Tisch von einer Seite zur anderen. Der Vater hockt sich daneben, versucht, alles wieder an seinen Platz zu legen. Sie spielen das eine ganze Weile, immer wieder werden die Karten neu durchmischt. Die an das Kind gerichtete Frage der Mutter: „Gehen wir weiter?“, bleibt, wer hätte das gedacht, ohne Reaktion. Ein Eingriff wie „Lass das mal bitte liegen“ wäre wohl Kindesmisshandlung gewesen.

Ein Tag messefrei, dann geht es weiter zur Amsterdam Drawing.
Alles etwas gechillter hier. Noch eine ½ Stunde vor der VIP-Eröffnung werden Beschriftungsfolien von der Messeleitung angebracht, es wird begonnen, die Stände auszufegen. Aber alles komplett unaufgeregt und entspannt. Es gibt eine kleine Koje, wo sich die Aussteller den ganzen Tag mit Kaffee und Tee versorgen können, morgens gibt es Kuchen für alle. Und der Give-away Beutel, den jeder Aussteller zu Beginn jeder Messe bekommt, ist ebenso ungewöhnlich: Scherzartikel wie eine Gumminase neben dem Fachmagazin und dem Knabberzeug. Die Nase hebe ich auf für die nächste Berliner Messe. Das Publikum hier ist wohltuend unprätentiös, als würde jeder den Hippie in sich bewahren wollen, ob alt oder jung. Das zeigt sich auch an dem undogmatischen Kleidungsstil. Alle Farben und Stile werden wild miteinander kombiniert. Keine Konkurrenz der Handtaschenmarken bei den Frauen, keine uniformen IT-Girls, die einen auf Kunstsammlerin machen, eher ein Stelldichein des Unkomplizierten, Legeren. Das was man trägt und was man ist, trägt man nicht zur Schau, gibt sich selbstbewusst ohne Arroganz.
In einem intensiven Gespräch über A.R. Penck und den heutigen Kunstmarkt mit einem Niederländer lerne ich mein absolutes Lieblingswort im Niederländischen: Kiloknaller. Auch ohne genaue Erklärung und Übersetzung bildet es für mich zunächst nur lautmalerisch die heutigen Tendenzen in der Kunstwelt an. Dann folgt die Erklärung, weil dem Niederländer, der exzellentes deutsch spricht, keine 1:1 Übersetzung einfällt. „Es ist ein Masthähnchen, das voller Hormone ist, um aufgebläht zu werden.“ In Gedanken trage ich schon einen Badge „Kiloknaller, nee bedankt“, den ich für alle Kunstevents anstecken werde.
Und so kämpfe ich wie ein Ökobauer für die Biohühner in der Kunst, die sich frei auf der Wiese austoben dürfen und gesundes Wachstum an den Tag legen.