NOCHMAL GALERISTIN? – 30 JAHRE MIT DER KUNST
DEZEMBER 2019

Eine aktuelle Befragung von 200 Berliner Galeristen, durchgeführt vom lvbg Berlin und dem VBKI, ergab wieder einmal desaströse Ergebnisse über mittelständische Galerien. Die Frage, ob man diesen Beruf wieder ergreifen würde, wurde von 84% mit „nein“ beantwortet. Ich frage mich, was ich geantwortet hätte und was die Alternativen gewesen wären.
a) Studienrätin? Mein ursprünglicher Beruf, für den ich zwei Staatsexamen abgelegt habe, ihn angemessen auszufüllen in Zeiten, wo unser Bildungssystem der Realität hinterherhinkt, Anforderungen an Schüler zu Burnout führen, Eltern Lehrer belehren wollen, dass ihre Kinder bessere Noten verdient hätten, Schulgebäude marode sind? Für eine angemessene Ausübung dieses spannenden Berufs hätte es mindestens genauso viel Idealismus bedurft, wie für den des Galeristen.
b) Ingenieurin? Vielleicht bei VW und das erworbene Knowhow dem Unternehmen für Abgasmanipulationen zur Verfügung stellen?
c) Verkehrsministerin? Eine PKW-Maut ertüfteln, die gegen EU-Recht verstößt?
d) Kunstberaterin? Eine, die ganz oben mitspielt und dann ein bisschen betrügt, um das Niveau zu halten, bestraft wird und hinterher reuig selbst Bilder malt?
e) Influencerin? Z.B. für neue Maltalente, die sich mit Picasso vergleichen, weil sie einfach nur dreist sind und sich zu inszenieren wissen? Ich könnte mich dann vor den neuesten bunten Bildern mit meinem veganen Müslischälchen drapieren und bekäme viele Likes.

Es bliebe noch die Medizin und die Sozialarbeit, für beides wäre ich leider keine Idealbesetzung. Wenn ich im Literaturbetrieb eine gute Stelle ergattert hätte, wäre das zwar inhaltlich eine wirkliche Alternative gewesen, finanziell aber auch nicht unbedingt.
So freue ich mich einfach über 30 Jahre mit der Kunst, der Zusammenarbeit mit vielen wunderbaren KünstlerInnen, Begegnungen, Diskussionen, Horizonterweiterungen, Träumereien, Utopien; genauso über das Zusammentreffen mit klugen und interessanten Sammlern, Museumsleuten, Journalisten und allen, die ich kennenlernen durfte.

Als ich dieser Tage in der A.R. Penck Ausstellung im Albertinum war und seine in Dresden in den 70er Jahren entstandenen Bilder, Filme, Übermalungen sah, wusste ich erst Recht wieder, dass sich die 30 Jahre gelohnt haben. Einen entscheidenden Teil meiner Zeit als Galeristin mit Penck gearbeitet haben zu dürfen, erfüllt mich mit Dankbarkeit. Ein visionärer unabhängiger Geist, für den Kunst eine eigene Realität ist. Ich sehe das innere des Weißbrots, das er beim Italiener zu einem Würfel formte, mit der Gabel Löcher hineinstach. Es lag dann hart geworden jahrelang im Bücherregal der Galerie. Bei meinem Weggang habe ich es nicht mitgenommen. Was wohl daraus geworden sein mag?