Salam to Syria
Mai 2016

Salam to Syria

Diese Veranstaltung für Syrien im Kühlhaus Berlin – entstanden auf Initiative von Tayeb Alhafez, einem in den USA lebenden gebürtigen Syrer – machte mich durch einen unerwarteten Zwischenfall weit über das eigentliche Anliegen hinaus nachdenklich. Das künstlerische Programm des Abends wurde vorwiegend von dem syrisch-deutschen Geiger Ashraf Kateb und seinem Pianistenkollegen Mikhail Mordinov getragen, außerdem las der erst in jüngster Vergangenheit geflohene Schriftsteller Nihad Sires aus einem aktuellen Manuskript über seine Heimatstadt Aleppo und von dem syrisch-deutschen bildenden Künstler Ali Kaaf wurden verschiedene schwarz-weiß Papierarbeiten präsentiert.

Bei den wunderbarsten Geigenklängen, es handelte sich in erster Linie um Stücke des syrischen Komponisten Dia Saccari, ertönte plötzlich Feueralarm. Die Reaktionen im Publikum waren gespalten, die einen blieben ganz entspannt sitzen mit der Bemerkung „das sei nichts Ernst zu Nehmendes“, andere strebten schnellstens nach draußen. Das Konzert wurde schließlich unterbrochen, Unsicherheit und Befremden machten sich breit. Als wir draußen standen, hatte ich das Gefühl, dass wir jetzt auf sehr plastische Art und Weise an die syrische Alltagsrealität erinnert wurden. Dort gibt es wahrscheinlich jeden Tag solchen Alarm, der jedoch ganz andere Dimensionen von Gefahr und Lebensbedrohung beinhaltet. Ein neben mir stehender Deutsch-Syrer bemerkte lakonisch, dass es häufig nicht mal Alarm gäbe, denn dafür brauche man Strom und den gäbe es meist nicht. „Die Menschen wissen oft nicht, wie sie kochen sollen“, sagt er. Er dolmetscht für syrische Flüchtlinge, die wegen ihrer Traumatisierungen psychologisch behandelt werden. Er lerne dabei, zu was der Mensch fähig sei.
Nach kurzer Zeit wurden wir alle wieder hereingeholt. Der Veranstalter klärte uns auf, Polizei und Feuerwehr waren mittlerweile angerückt. Jemand hatte auf der Frauentoilette geraucht und die Kippe dann in Kleenex gewickelt in den Mülleimer geworfen. Ich fragte mich, wie man eine solche Veranstaltung besuchen konnte und sich gleichzeitig so respekt- und gedankenlos verhalten konnte. Das Ego prallte auf die Solidarität, und es kam mir vor, als säßen wir mitten im menschlichen Desaster des Wollens, aber nicht Könnens oder umgekehrt. Das Konzert ging weiter, aber die Stimmung war eine andere. Man blieb auf der Hut und konnte sich nicht mehr so intensiv und rückhaltlos von Saccaris Kompositionen davontragen lassen, die Unschuld der Musik war verletzt. Die schwarzen Punkte auf der Arbeit „Vibration“ von Ali Kaaf verwandelten sich von ihrer meditativen Stille und Tiefe in ein wütendes Magnetfeld der Punkte.