DAT BILD IS JUT
JANUAR 2019

Dat Bild is jut

Auf meinem Schreibtisch liegen noch zwei Artikel vom November des alten Jahres, die ich zurückgelegt hatte, um sie erneut in Ruhe zu lesen. Die hier zum Ausdruck kommenden Haltungen könnten unterschiedlicher nicht sein und sie zeigen, wie extrem das Pendel bei der Auffassung über Kunst in unterschiedlichste Richtungen ausschlagen kann.

Bereits die Überschrift des Artikels „ Dat Bild is jut “ (1) von Karlheinz Schmid anlässlich des 100jährigen Geburtstags des Galeristen Alfred Schmela lässt mich melancholisch werden. Dazu kommt das schwarz-weiß Foto, auf dem Schmela mit Rauschebart, Halbglatze und randloser Brille aussieht wie ein Alt 68er, in die Jahre gekommen, dennoch äußerlich völlig unverändert. Er erinnert mich an einen Kreuzberger Antiquar, der selbst mit 80 zwischen dicken Bücherstapeln sitzt, um über die Runden zu kommen. Schmela allerdings musste sich nicht mit pekuniären Sorgen quälen. Karlheinz Schmid huldigt einer Autorität, die sich hinsichtlich Qualität komplett aufs eigene Gefühl verließ, nicht endlos argumentierte bei einem Verkaufsgespräch,  sondern ein schlichtes aber bestimmtes: „Dat Bild is jut“ in den Raum warf. Ich stelle mir diesen Satz heute gesprochen vor, z.B. auf einer Glamourmesse wie der Art Basel Miami Beach, das wäre geradezu anarchistisch! Ich denke auch an die hochverklausulierten, mit Fremdwörtern gespickten Begleittexte zu mancher Ausstellung. Am liebsten würde ich die Pressemitteilung für die nächste Ausstellung reduzieren auf den Satz: Die Bilder sind jut!

Folge ich im zweiten Artikel der jüngeren Generation einem Interview mit dem Ökonomen Magnus Resch, der 2018 erneut eine Studie zum gegenwärtigen Kunstmarkt veröffentlicht hat, kann ich den guten Schmela gleich vergessen. Der Kunstmarkt sei undemokratisch und „in den meisten Künsten kann Qualität nicht gemessen werden“ (2) Die entscheidenden Netzwerke von Galerien, Sammlern und Museen sind nur wenigen vorbehalten, sie bestimmen, wer Erfolg hat und wer nicht. Alle anderen haben keine Chance. Resch vergleicht den Kunstmarkt mit dem indischen Kastensystem. (3) Den sogenannten Insel-Netzwerkern (4) rät er auf die Barrikaden zu gehen. Wie das aussehen soll, verrät er nicht. Mein Schwert ist das der Qualität, die natürlich nicht gemessen werden kann wie ein Hochsprung, aber für die es sehr wohl Kriterien gibt. Meine Lanze ist die der Leidenschaft und der Glaube daran, dass Kunst mehr ist als monetäre Investition. Sie ist Anarchie, Leidenschaft und Utopie. Daraus baue ich meine Barrikade und so gilt auch in 2019, abgewandelt auf eine Berlinerin: „Det Bild is jut!“

 

1) Karlheinz Schmid, „‘Dat Bild is jut‘ Zum Hundertsten: Erinnerung an den Düsseldorfer Galeristen Alfred Schmela“,  in: Kunstzeitung November 2018, Nr. 267, S. 1, Hrsg. Lindinger + Schmid
2) Silke Hohmann, „Unternehmer Resch über künstlerischen Erfolg ‚Der Kunstmarkt ist undemokratisch‘“, Monopol Magazin Online, 14.11.2018
3) vgl ebenda
4) vgl ebenda