Die neue Unfreiheit
Januar 2018

Die neue Unfreiheit

Nachdem Hanno Rauterberg sowohl in seinen zahlreichen Artikeln in der DER ZEIT als auch in seinen Büchern die zunehmende Kommerzialisierung der Kunst beschrieben hat und die heutzutage mangelnden Kriterien bei der Beurteilung von Kunst reflektiert hat, widmet er sich in jüngster Zeit der Analyse der Zusammenhänge von Ästhetik und Ethik in der zeitgenössischen Kunst.
Seine aktuellen Beobachtungen, die uns mitten in der meetoo Debatte treffen, trägt er in einem Vortrag im Kunsthaus Potsdam vor: „Die neue Unfreiheit. Wie Markt und Moral die Kunst bedrohen“ Rauterberg beobachtet eine Verschiebung der Prioritäten. Kunst wird zum Mittel der Rechtschaffenheit, der Künstler sieht sich als Verfechter einer korrekten Ethik und will sich mit seiner Kunst für das Gute einsetzen. Es geht ihm nicht mehr darum, in der Kunst einen Schwebezustand jenseits von richtig und falsch zu halten und somit Freiräume zu eröffnen. Ebenso sieht es in der Bewertung der Kunst aus, ein Balthus-Bild wird als sexistisch verpönt und soll mittels einer Online-Petition aus dem Museum entfernt werden. Kurz nach seinem Vortrag erscheint die Meldung über eine abgesagte Bruce Weber Retrospektive in den Deichtorhallen wegen möglicher sexueller Belästigung eines Models durch den Fotografen. Als Menschen müssen die möglichen Vergehen juristisch verfolgt werden und entsprechend geahndet, doch kann man ihre Kunst verbieten? Als prominentestes Beispiel nennt Rauterberg in seinem Artikel „Geniale Monster“ (DIE ZEIT N° 6 1.2.2018) Caravaggio. Ist die Kunst eines Mörders schlecht und muss aufgrund seiner moralisch verwerflichen Taten aus dem Museum verschwinden? Eine heikle Debatte könnte sich entspinnen, die Kontroverse könnte spannende Ausstellungen generieren, die in Frage gestellten Bilder könnten mit kritischen Beiträgen versehen werden, stattdessen herrscht Verbot und Zensur.
Kurz nach Rauterbergs Veröffentlichung erscheinen in diversen Zeitungen die Rezensionen über die Veröffentlichung eines Essays von Hanna Arendt aus den 60er Jahren: „Die Freiheit, frei zu sein“