Endlich selbstreferenziell
Oktober 2018

Endlich selbstreferenziell

Die schon vor einigen Monaten beobachtete Berichterstattung über mittelständische Galerien, die in ihrer Existenz immer mehr bedroht sind, hält weiter an. Namhafte Globalplayer plädieren dafür, die Standmieten auf internationalen Messen für kleinere Galerien niedriger anzusetzen, sie selbst wollen dafür mehr zahlen. An Solidargemeinschaft lässt mich eine Mail in meinem Account jedoch nicht denken: Carrier Christine Arts bietet Dienste für Galerien an, die darin bestehen, strategische Pläne für erfolgreiche Messen zu erarbeiten und überhaupt, mit ihrer planerischen Unterstützung wird man zum erfolgreichen Bollwerk in einem energetischen Markt. Ob ich die Globalplayer fragen soll, ob sie mir das entsprechende Strategiekonzept, wie ich „meine brand recognition“ erhöhe, dazu spendieren? Vielleicht ein Crowdfunding für die Finanzierung dieser Beratungsleistungen starten, damit ich endlich lerne, wie ich es unter die Großen schaffe? Natürlich nebenbei immer tüchtig snapchatten, bei Instagram posten, keine Fotos mehr, sondern Storys, mir die Nächte bei den einschlägigen Events um die Ohren hauen und mich am Morgen im angesagten Café mit den richtigen Energy Shots einfinden. Dann habe ich wieder genügend Power, mich der Reflektion über die Optimierung meines Galeriesystems zu widmen.
Zeit zum Lesen muss man auch haben, sonst wäre mir das Monopolinterview mit Michael Riedel entgangen: „Dass die Interessen an selbstreferenziellen Systemen immer stärker werden und immer mehr mit sich selbst beschäftigt sind.“ ( Monopol Online, 11.9.2018, Text Sarah Alberti, Michael Riedel über Wachstum und Verzicht) Der Satz ist sprachlich schon eine Wucht, eben selbstreferenziell.
Zu Recht beschreibt Riedel die Zwänge großer Galerien, die immer mehr Zeit und Aufwand für das betriebliche System aufbringen müssen und somit immer größeren Zwängen unterliegen. Also, ist die Auseinandersetzung zwischen Galerist und Künstler um künstlerische Ideen doch von entscheidender Bedeutung. „Ich habe das Spiel vermisst“, sagt Riedel. Wie beruhigend, dass es doch noch um etwas Anderes geht als Nullen bei den Preisen der Kunstwerke zu zählen.
In seinem aktuellen Werk thematisiert Riedel seinen Ausstieg bei Zwirner, er verwandelt die Mailkorrespondenz mit dem Galeristen in Geldscheine, in Riedel-Währung.
Da kommt mir eine Idee, natürlich ist sie ein bisschen abgeguckt: Die nächste Ausstellung in der Galerie könnte doch darin bestehen, sämtliche alten Einladungskarten und Preislisten zu schreddern und sie in Häufchen in der Galerie zu verteilen. Dann könnte ich auch sagen: Ich bin selbstreferenziell. Dann bräuchte ich keine Künstler mehr, sparte eine Menge Zeit und Arbeit, müsste keine Atelierbesuche mehr machen , keine Gespräche über die Kunst, und über mögliche Präsentationen führen und keinen Zuspruch in schwierigen Zeiten, keine Anerkennung mehr spenden etc.
Da klingelt mein Telefon. Eine Künstlerin ruft an. Ich befürchte, dieses Gespräch wird alles andere als selbstreferenziell werden.