DIE NEUE ACHTSAMKEIT
AUGUST 2019

Achtsamkeit und Nachhaltigkeit sind zu Modewörtern geworden, die einem überall begegnen, als müssten wir beides als ethisch korrekt handelnde Menschen nur häufig gut genug sagen oder schreiben, um es damit auch zu sein. Dies scheint zu einem Distinktionsmerkmal einer Klasse von besonderen Gutmenschen zu werden, was mich bereits stutzig macht: Sie sind die Unachtsamen, wir sind die Achtsamen, also die besseren Menschen.
Achtsam mit sich selbst, den Mitmenschen, der Natur zu sein, ist eine nie endende tägliche Aufgabe, die nicht nur davon abhängt, ob wir jeden Tag vegan essen. Aber so einfach scheint das alles nicht zu sein und eine Vielfalt von neuen Geschäftsfeldern bietet sich an, Achtsamkeit und Nachhaltigkeit zu erlernen. Angefangen bei den unzähligen Yogastudios. Nicht, dass ich etwas gegen Yoga hätte, im Gegenteil, ich praktiziere es selbst seit vielen Jahren, aber es geht mir dabei um körperliche und seelische Gesundheit, nicht um Etiketten. Denn es fängt schon damit an, dass wir uns zwischen Luna-Yoga, Akro-Yoga, Lach-Yoga, Forrest-Yoga und vielem anderen entscheiden sollen. Will ich jetzt lieber dem Wald oder dem Mond näher kommen?
Als ich vor einer Weile mit Freunden durch den Wald wanderte, kam uns eine kleine Gruppe mit zwei Eseln entgegen. Ich war ziemlich entgeistert, aber einer meiner Freunde klärte mich auf, dass es organisierte Wanderungen mit Eseln gäbe, von denen man die Entschleunigung wieder lernen sollte. Noch so ein Wort, das zum Gutmenschen gehört. Wir bekommen das auch ohne Esel hin, den Wald zu genießen und die Seele baumeln zu lassen. Ich liebe Esel, aber sie am Strick durch den Wald zu führen, um mein Managertempo abzulegen, erschien mir wie ein Missbrauch dieser für ihre Eigenwilligkeit bekannten Tiere. Ich las dazu später im Netz nach. Unter dem Stichwort „Eseltrekking“ säuselte es nur so von Innehalten, Natur gemeinsam genießen etc.
Schon häufiger musste ich mir die Reiseberichte von Ayurveda-Kuren nach Indien oder Sri-Lanka anhören. Mit stolz geschwollener Brust wurde erzählt, man habe zwei Wochen keinen Alkohol getrunken, sich komplett entgiftet. Die ersten wieder auf Facebook oder Instagram geposteten Fotos zeigten dann allerdings die offenen Champagnerflaschen auf dem Rückflug in der First Class. Auch das erscheint mir ziemlich wohlstandsdegeneriert.
Nun kommt das Ganze selbst in der Kunstbranche an: Ich las kürzlich einen Artikel über art & mindfulness, Untertitel „Ein Workshop im ‚me Collectors Room‘ soll Achtsamkeit wecken. (1) Auch das natürlich sehr ehrenwert, wir lernen behutsam wieder Kunst zu sehen, wahrzunehmen und zahlen vermutlich für so einen Workshop viel Geld. Wirklich wundern tut es mich allerdings nicht, wenn man sich bei Museumsbesuchen umschaut, sieht man die Besucher nur noch mit Audioguide oder Handy in der Hand. Das Display wird zur Wahrnehmungsschablone, nicht mehr das Original. Ich freue mich, wenn ich nach Hause komme und auf die schrundige zersetzte Fläche des Papstgesichts von Cornelia Schleime in meinem Wohnzimmer schaue. Die Balance von Leid und Hoffnung dieses Bildes können mich bis heute berühren, trösten und nachdenklich machen. Ich scheine damit Einiges an Geld zu sparen.
Wenn das mit dem schwierig gewordenen Galeriegeschäft gar nicht mehr laufen sollte, denke ich mir einfach neue Workshops aus: „Veganes Grasen mit Wasserbüffeln in Nordkenia“.

(1) Der Tagesspiegel, Stadtleben, 5.8.2019. S. 9, „Augen schließen für die Kunst“ von Antonia Märzhauser