Brauchen wir die Schönheit?
Dezember 2016

Angelika Arendts Ausstellung „One Moment in Time“ oder brauchen wir die Schönheit?

Das ist ein schönes Privileg des Galeristenberufes, sich im Verlauf einer Ausstellung über Wochen immer wieder mit den präsentierten Arbeiten zu beschäftigen, neue Blickwinkel im Gespräch mit Besuchern zu entdecken oder im intensiven Austausch mit den Künstlern Einblicke zu bekommen, die das Verständnis vertiefen und erweitern. Für die Eröffnungsworte muss man sich positionieren und im Verlauf der Ausstellungen mit den Besuchern, Sammlern und geführten Gruppen Rede und Antwort stehen, sich mit ihnen über die Werke auseinandersetzen, andere oder ergänzende Sichtweisen können sich dann ergeben.

Manches, was man im täglichen Leben in dieser Zeit sieht, wahrnimmt, erlebt oder liest, kann neue Erkenntnisse und Zusammenhänge oder Bestätigungen hervorbringen.
So ist das Thema der Schönheit der Skulpturen und Zeichnungen von Angelika Arendt ein entscheidendes Gesprächsthema im Verlauf der Ausstellung. Man spürt, dass viele Besucher freudig überrascht sind und strahlende Augen bekommen, wenn sie sich förmlich mit den Augen in die Arbeiten knien. Eine junge Naturwissenschaftlerin, die die Werke von Angelika Arendt bisher nicht kannte somit über keinerlei Vorwissen verfügte, stellt aus ihrer Intuition heraus fest, dass sie sich beim Betrachten der Werke an ihre Arbeit unter dem Mikroskop erinnere und dasselbe Gefühl der Überwältigung spüre, wie wenn sie die Mikrokosmen auf ihrer Petrischale bestaune.
Es geht somit nicht um eine Schönheit, die Glattes schnell konsumiert, sondern um ein Eindringen in die Tiefe von organischen Strukturen, die uns in das Geheimnis des Lebens führen. „Das Schöne ist das Verbindliche. Es stiftet Dauer. Nicht zufällig ist das ‘Schöne an sich‘ bei Platon ‘ewig seiend‘ (aei on).“ So schreibt es Byung-Chul Han in seinem Buch „Die Errettung der Schönheit“, (Frankfurt a. M. 2015, S. 96). Etwas unphilosophischer drückt der Ausstellungstitel „One Moment in Time“, einem Songtitel von Whitney Houston entlehnt, genau dies aus.
Als ich durch Zufall in einem Newsletter von artnet auf ein Interview mit Gerhard Richter stoße, in dessen Überschrift es eigentlich um Äußerungen über Merkels Flüchtlingspolitik geht, staune ich, dass die Schönheit ebenso ein Thema in diesem vom Kurator Anders Kold geführten Gespräch ist.
„Schönheit ist nicht angesagt, sie wird diffamiert, wir brauchen Unterhaltung“ sagt Richter hier in seiner lapidaren Art. Er geht sogar noch weiter und stellt fest, dass wir keinen Trost bräuchten und wollten. Eigentlich ist das bei der Betrachtung der Weltlage oder mancher persönlichen Schicksale um uns herum völlig unverständlich. Indirekt stellt er hiermit einen Zusammenhang von Schönheit und Trost her, und genau diese Schnittstelle scheint mir aus den Zeichnungen und Skulpturen von Angelika Arendt zu sprechen. Schönheit ist nicht das heile Welt Gefühl, sondern das Sichtbar- und Aufmerksam machen auf das Verborgene, das trotz aller Zerrissenheit da ist. Nur etwas Zeit und Ruhe muss man sich dafür nehmen. Wie gerne Menschen sich auf diese Entdeckung und vielleicht auf diesen Trost einlassen, hat die Ausstellung gezeigt, Dank des Mutes der Künstlerin.