Connecting, connecting, connecting
Mai 2018

Gallery Weekend

Ngorongoro muss man gesehen haben, wenn man in dieser Stadt lebt und mit Kunst zu tun hat. Ich füge mich und gehe am Freitagvormittag auf das Gelände, kein Gedränge, alles noch ganz entspannt. Der erste Raum, den ich betrete ist ein Videoraum mit vier Projektionen, die ersten Worte, die ich höre von zwei lässigen Typen mit Getränk in der Hand: „This guy was at the Biennale in…“. Sie bleiben ca. 30 Sekunden in diesem Raum. Das Entscheidende ist wohl gesagt. Auch gesehen? Als ich wenig später ein Video von Shirin Neshat ansehe, kommen dieselben Herren hinzu, ich schnappe wieder nur die Worte auf: „This was in Venice…“, dieses Mal verweilen sie maximal 15 Sekunden. Warum sitze ich eigentlich auf dem schwarzen Ledersofa und schaue mir das an? Ebenso schleierhaft bleibt mir die Beobachtung, wie viele Leute, gerade auch junge Frauen, Fotos von einem Bild von David Nicholson machen, einer Frau, die sich auf dem Sofa räkelt und unter ihrem Rock ihre Hand zwischen ihre Beine legt. Bei keinem anderen Kunstwerk sehe ich während meines Rundganges mehrere Leute gleichzeitig dasselbe Motiv fotografieren. Wird der eigene Voyeurismus dann auf Instagram gepostet?
Eine Herausforderung sind die Zettel mit den Raumskizzen und den handgeschriebenen Künstlernamen an den entsprechenden Positionen. Ein Mann, der ebenso besagtes Bild fotografiert hat, versucht hektisch die entsprechenden Namen auf seinen Display zu bekommen, „Wer hat sich denn diese Zettel ausgedacht?“ fragt er. Ich freue mich nur, dass andere sich genauso schwer tun wie ich. So versuche ich im nächsten Raum, in dem besonders viele Arbeiten präsentiert werden, auch viele skulpturale, mir einen Bezugspunkt auf dem Plan zu suchen, anhand dem ich mich weiter hangeln kann, um dem einen oder anderen Schöpfernamen auf die Spur zu kommen. Da ist ein liegendes Laufrad, vor dem drei leere Flaschen mit rosafarbenem Strohhalm drapiert sind, ich suche die Position als Anhaltspunkt auf der Raumskizze. Da sehe ich plötzlich eine Frau das Rad und die Flaschen wegnehmen, ich bin tatsächlich richtig auf die Schnauze geflogen, und das war kein Statement zur Prenzlauer Berg Szene. Vielleicht sollte ich es sein lassen, die Namen der Urheber erfahren zu wollen kunsttauglich bin ich offenbar sowieso nicht. Außerdem geht es hier nicht um Selbstdarstellung. Ob das für den Hipster an der Getränketheke ebenso gilt? Er bedient mit coolen Sprüchen „solls‘te haben, „für den einschlägigen Kreis“. Schön gesagt, aber dafür ist der Cappuccino kalt. Lieber Pimm‘s trinken wie der coole Typ neben mir, der dann auch noch für zwei georderte Pimm‘s ein sattes Trinkgeld von 5€ hinterlässt. Warum ein de Chirico zwischen all den angesagten Newcomern oder zukünftigen Größen hängt, erschließt sich mir nicht, soll es wahrscheinlich auch gar nicht.
Das erste, was mich berührt und verweilen lässt, ist ein kleines Foto mit einem Jungen von hinten am Schreibtisch sitzend, es hängt sehr intim in einem schmalen dunklen Treppenaufgang in einem noch nicht renovierten Gebäude. In diesem Fall möchte ich doch wissen, von wem es ist, scheitere erneut mit den Plänen und frage eine der Guides. Sie erklärt mir, dass der Name nicht auf dem Plan sei und sie ihn leider auch nicht wisse. Ich will das Gelände nach dem Raum mit dem blinkendem Herzen mit Liebespfeil verlassen, da mir Las Vegas Getöse nicht liegt, da stelle ich fest, dass ich ein Haus am Anfang noch nicht gesehen habe. „Can you see that? Can you see that? Can you see that?”, begrüßt mich eine Computer gesteuerte Stimme. Ein Video von Bjørn Melhus: Auf grafischen Mustern in Bonbonfarben steht und bewegt er sich als Computerfigur und wiederholt die wichtigsten Stichpunkte zum Kunstmarkt in einem ironisch-technoiden Stakkato. Dabei verändern sich die grafischen Muster und Strukturen und ihre Farben. „I can change the color, the color, the color. ..Gosh, I’ m an artist”. Mir scheint, er spitze bei Vernissagen, Künstlergesprächen und Kunstevents die Ohren, um festzuhalten, was das kunstaffine Publikum der Flaschenhalter so beim Schlendern für Halbsätze abwirft: „It’s impressive, impressive…“ Das Rezept für Künstler, Kuratoren, Käufer, Verkäufer: “Connecting, connecting, connecting.”
Melhus hat’s geschafft, meine attitude hat sich verändert: Ich gehe schmunzelnd vom Gelände.
Der Blick in den Tagesspiegel mit einer Ausstellungsbesprechung über Ngorongoro macht mich am nächsten Tag wieder etwas ratlos. Der erste Satz: „Eine Ausstellung wie Disneyland: Es gibt Attraktionen ohne Ende.“ (Birgit Rieger, „Lob des Netzwerks“ in: Der Tagesspiegel, 28.4.2018, Kunst & Markt, S. 26) Ist das der Zustand der Kunstwelt, eine Kritik, eine Auszeichnung?