Von Jägern und Sammlern
April 2017

Von Jägern und Sammlern

 

Ein Interview im neuen Tagesspiegel-Magazin „Berliner“ mit meinem Ex-Mann, als „enfant terrible“ tituliert, lässt mich Schmunzeln. Viele der amüsanten Geschichten kenne ich noch aus dem unmittelbaren Miterleben heraus. Der Galerist als Jäger mit dem langen spitzen Speer, ich war wohl die, die vor der Höhle sitzt und die Beeren pflückt und einkocht. Gutes Gespann! Als würde es jetzt nur noch Büffelfleisch ohne Preiselbeeren geben, existiert die Kunst nur noch in Verbindung mit Geld. Ich ernähre mich jetzt ausschließlich von Beeren. Wahrscheinlich ein normaler Vorgang bei Paaren, die schon immer unterschiedlicher Auffassung waren, dass sich die jeweiligen Haltungen nach einer Trennung verstärkt ausprägen, denn das jeweilige Korrektiv fehlt. Ist es mit der Leidenschaft für die Kunst wirklich vorbei, geht es nur noch darum, die Preise nach oben zu bringen, den Wert der Aktie Kunst zu steigern? Natürlich ist das die Tendenz seit einigen Jahren. Lohnt es sich überhaupt noch, sich dagegen aufzulehnen, wie es mir die erste impulsive Reaktion aufdrängt? Ich suche einen Artikel heraus, den ich kurz nach meinem Weggang aus der Galerie 2011 unter dem Titel „ Plädoyer für ein freies Spinnen in der Krise“ geschrieben habe. Der Crash von Lehman Brothers, der den Kunstmarkt für einige Zeit lahmgelegt hatte, war damals drei Jahre her und ich hegte seiner Zeit die Hoffnung, dass es zu einer Neuorientierung und einem solideren Umgang mit dem Gut der Kunst kommen könnte. Da habe ich mich wohl gründlichst vertan und offenbar das Gegenteil ist passiert. Das Geschäft mit der Aktie Kunst boomt und wie Michael Schultz sagt, könne er dies heute nun viel klarer und offener sagen und nicht mehr wie vor 15 Jahren drumherum drucksen.
Drei Tage nach Erscheinen des Artikels bin ich bei einem Rundgang der SØR Rusche Sammlung, bei dem der leidenschaftliche Sammler Thomas Rusche mit seinem theologischen und kunsthistorischen  Wissen einige ausgewählte Arbeiten seiner Sammlung vorstellt, sich wortreich und voller Esprit in den unterschiedlichsten Tönen zur tiefen Wahrheit der Kunst bekennt. „Was ist große Kunst?“ fragt er. „Sie ist eine Schule des Sehens, des Denkens“, führt er aus. Wie eine Matrix schlängeln sich seine Ausführungen über biblische Mythen, über die Gestaltung der Perspektive und Lichtverhältnisse bei den niederländischen Meistern, den vielschichtigen Bildmotiven bei Neo Rauch durch das vor drei Tagen Gelesene. Ich bin nicht die Einzige, atme ich innerlich auf, die noch andere Erwartungen an die Kunst hat als die der Wertsteigerung.Vielleicht sollte ich doch noch nicht aufgeben. „Die Ersten werden die Letzten sein und die Letzten werden die Ersten sein“, Thomas Rusche würde sofort sagen können, wo das in der Bibel steht. Vielleicht gilt ja für die Kunst: „Die Ewiggestrigen werden die Zukunftsweisenden sein“.
Der weltweite Schuldenberg ist größer als 2008 zu Beginn der Finanzkrise, der Starinvestor Bill Gross verweist darauf, dass „in den USA …die ausstehenden Kredite in Höhe von 65 Billionen Dollar dem dreieinhalbfachen der jährlichen Wirtschaftsleistung“ (1) entsprechen. Wie wird das dem Kunstmarkt bekommen, wenn es wieder einmal krachen sollte im Finanzmarkt?
Wolfgang Ulrich, der in einem ZEIT-Artikel über „Das Gesetz der Serie“ reflektiert, ist ebenfalls skeptisch. Irgendwann sind die Wachstumschancen insbesondere der seriell angelegten Kunst mit hohem Wiedererkennungswert ausgereizt. „Auf einmal könnte es dann wieder mehr zählen, etwas wirklich Einzigartiges – Unvergleichliches – zu besitzen.“ Und es „…besteht sogar die Gefahr, dass Vergleichbares nach unten durchgereicht wird und stark an Wert einbüßt.“ (2)
Der Schluß meines damaligen Artikels kann somit auch heute am Ende stehen: „Ob Hausse oder Baisse an der Börse, ob gutes oder schlechtes Auktionsergebnis eines Künstlers – Kunst sollte berühren, uns eine Geschichte enthüllen lassen, uns Horizonte eröffnen und uns im Idealfall sogar in die Knie gehen lassen. Wann haben Sie eigentlich das letzte Mal vor einem Kunstwerk gekniet?“

 

 

1. n-tv 10.3.2017 „Magische Wohltaten Anleihe-Guru warnt vor Trump-Hype www.n-tv.de/wirtschaft/Anleihe-Guru-warnt-vor-Trump-Hype-article19739832.html

2. Wolfgang Ullrich „Das Gesetz der Serie“, in: DIE ZEIT N° 14, 30.3.2017, S. 50