{"id":6486,"date":"2018-10-26T16:53:54","date_gmt":"2018-10-26T14:53:54","guid":{"rendered":"https:\/\/cundkgalerie.de\/?p=6486\/"},"modified":"2021-03-18T17:31:43","modified_gmt":"2021-03-18T16:31:43","slug":"oktober-2018-teil-iikeine-chance-fuers-selbsreferenzielle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/cundkgalerie.de\/en\/oktober-2018-teil-iikeine-chance-fuers-selbsreferenzielle\/","title":{"rendered":"KEINE CHANCE F\u00dcRS SELBSREFERENZIELLE<br>OKTOBER 2018, TEIL II"},"content":{"rendered":"<p><strong>Keine Chance f\u00fcrs Selbstreferenzielle<\/strong><\/p>\n<p>Es bleibt wohl dabei: Das mit dem Selbstreferenziellen in meinem Galeristenalltag scheint irgendwie nicht hinzuhauen, sondern ein schn\u00f6der geistiger Diskurs zu bleiben. Im Rahmen der Ausstellungsvorbereitung eines niederl\u00e4ndischen K\u00fcnstlers fliegen die WhatsApp- Nachrichten hin und her. Beim Atelierbesuch hatte er vorgeschlagen, seine kleinen Leinw\u00e4nde auf einer an der Wand befestigten Leiste zu pr\u00e4sentieren. Eine Superidee! Ich schreibe ihm die Adressen von Baum\u00e4rkten auf, wo er nach etwas Geeignetem Ausschau halten kann. Einige Tage sp\u00e4ter erhalte ich Fotos aus dem Bauhaus, er ist f\u00fcndig geworden, die Aluleiste sieht super aus. Doch die m\u00f6glichen Antworten auf seine bescheidene Frage seinerseits, wie er sie transportieren solle, halten uns ein paar Tage auf Trab. Zugesendete Telefonnummern von diversen Taxirufen f\u00fchren leider nicht zum Erfolg. Warum, erfahre ich nicht, nur, dass ihm bei einer der Nummern gesagt wurde, dass sie zwar die Leiste transportieren, aber nicht ihn als Person mit seiner Leiste. Der Ball kommt also immer wieder zur\u00fcck, so dass ich irgendwann einsehe, dass ich selbst mit einem Kurierdienst zum Baumarkt dazu sto\u00dfen muss. <\/p>\n<p>Alles in allem wird es ein denkw\u00fcrdiger skurriler Ausflug, bevor wir endlich mit dem Aufbau beginnen k\u00f6nnen. Wir sind vor dem Bauhaus im Wedding verabredet, ich f\u00fchle mich als Berlinerin wie ausgesetzt in dieser Gegend. Als ich aus dem Bus steige, donnern die Flugzeuge \u00fcber meinen Kopf hinweg. Was f\u00fcr eine Strafe, wenn man in dieser Umgebung wohnt oder anderweitig seinen Alltag verbringen muss. Doch beim Bauhaus angelangt, steht dort der Ritter mit seiner Lanze vor der T\u00fcr, als w\u00e4re dies das selbstverst\u00e4ndlichste von der Welt. Der K\u00fcnstler und sein \u201eshelf\u201c, ganz schmal, aber eben ziemlich lang. Ich frage ihn nach der Anbringung, und da noch L\u00f6cher in die Leiste gebohrt werden m\u00fcssen, um sie dann an die Wand zu schrauben, schiebe ich ihn wieder zur\u00fcck in den Baumarkt, damit wir die richtigen D\u00fcbel, Schrauben und Metallbohrer kaufen. Beim Wiegen der Schrauben, ich f\u00fchle mich an \u00c4pfel im Supermarkt erinnert, stelle ich mich an wie der erste Mensch, weil ich nicht die richtige Artikelnummer zur Eingabe finde. Die Nachfrage bei einem anderen Kunden hat den Blick \u201etypisch Frau\u201c zur Folge, aber ich wei\u00df dann wenigstens, wo ich die richtige Nummer finde. Der Kurierdienst war vorab bestellt, und der Ritter mit seiner schwarzen Jacke mit den orangefarbenen und blauen Streifen und ich stehen wartend auf dem Parkplatz mit Kentucky Fried Chicken nebenan, den eben erw\u00e4hnten Fliegern \u00fcber unseren K\u00f6pfen und einem mordsm\u00e4\u00dfigen Autoverkehr um uns herum. Wir stellen fest, dass wir bei noch nie bei Kentucky Fried Chicken waren. Wenn, dann w\u00e4re es heute der richtige Moment, denke ich. Kerosinwolken von oben, auf der Terrasse direkt neben dem Parkplatz sitzen einige Leute und knabbern aus den Plastikschalen ihre H\u00e4hnchenschenkel. Die Sonne scheint pr\u00e4chtig, Wir erz\u00e4hlen uns allerhand und am\u00fcsieren uns bombig, alles mit Lanze in der Hand. Wir lachen \u00fcber unseren absurden Standort und ich beginne zu rappen: My shelf and me, me and my shelf. Der K\u00fcnstler erz\u00e4hlt mir, dass er bei der BVG gefragt habe, aber Gegenst\u00e4nde in dieser L\u00e4nge d\u00fcrfe man nicht transportieren, zum Laufen sei die Strecke zu weit gewesen. Es liegt in der Logik dieses Tages, dass wir circa eine Stunde auf den Kurierdienst warten m\u00fcssen. Immerhin werde ich zwei Mal angerufen. Beim ersten Mal werde ich von einer freundlichen B\u00fcrostimme noch etwas vertr\u00f6stet, beim zweiten Mal ist es der Fahrer, der mit einem russischen Akzent spricht und ich frage mich, ob er wohl verstanden hat, wo wir genau stehen. Da kommt er tats\u00e4chlich, muss beim Einbiegen in den Parkplatz noch mal ein bisschen zur\u00fccksetzen, was auch die beiden Autos hinter ihm zur Reaktion zwingt. Der eine Fahrer springt sofort aus dem Auto und bedroht den anderen mit solcher Aggression, dass ich dazwischen gehe und dem Bedrohten rate, den Tobenden und H\u00e4nde Erhebenden einfach zu ignorieren. Er bringt seine Hand auch schon verd\u00e4chtig in Stellung, doch zum Gl\u00fcck steigt er wieder in sein Auto. Innerhalb von Sekundenschnelle entsteht eine Energie, mit der sie dr\u00fcben ihre H\u00fchner grillen k\u00f6nnten. Das shelf ist mittlerweile im Transporter, und wir k\u00f6nnen unsere fr\u00f6hliche Fahrt beginnen. Der Russe entpuppt sich als Usbeke, der uns mit der Schilderung seiner Biografie einen kleinen Crahskurs Geschichte verpasst. Meine anf\u00e4ngliche \u00dcbersetzung ins Englische entpuppt sich als \u00fcberfl\u00fcssig, denn mein niederl\u00e4ndischer K\u00fcnstler kann den deutschen Erz\u00e4hlungen folgen, was mich beim starken Akzent des Berichtenden erstaunt. 1990 sei er aus Usbekistan mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn geflohen, er schimpft dabei f\u00fcrchterlich auf Gorbatschow. Mich erstaunt das kolossal, wei\u00df man doch, dass er den Fall der Berliner Mauer mit erm\u00f6glicht hat. Um die Demokratie einzuf\u00fchren, habe er Kriege angezettelt. Ich halte mich mit Entgegnungen zur\u00fcck, sitze ich da neben einem ehemaligen beinharten Kommunisten? Ich hab ja keine Ahnung, halte also lieber meinen Mund. Er sei Ingenieur gewesen, habe einen eigenen Fahrer gehabt und alles aufgegeben. Sechszehn Jahre lang habe er ein Reiseb\u00fcro in Berlin gehabt, nun buchen die Leute im Internet, jetzt sei er Kurierfahrer. Seine Kinder haben hier studiert, seine Tochter spr\u00e4che sieben Sprachen, ein Foto der Enkelkinder klebt an der Fahrert\u00fcr. So rauschen wir durch den Verkehr der Gro\u00dfstadt, um noch die Bilder aus dem Atelier einzuladen. Ein echter Alltagsheld, der sich durchs Leben schl\u00e4gt, denke ich und das Entscheidende ist, er sagt: \u201eIch bin gl\u00fccklich\u201c. Im Hintergrund werden \u00fcber Funk weitere Touren angeboten, Abholung bei Monika Bonvicini h\u00f6re ich. Ob sie auch Aluleisten zu transportieren hat?<br \/>\nWir kommen tats\u00e4chlich noch an der Galerie an, st\u00e4rken uns ein wenig und beginnen endlich mit dem Aufbau, der schneller geht, als die zuvor beschriebene Aktion.<br \/>\nMit an den Nagel h\u00e4nge ich endg\u00fcltig alle Gedanken an Selbstreferenzielles.  <\/p>\n<p>Christiane B\u00fchling<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Keine Chance f\u00fcrs Selbstreferenzielle Es bleibt wohl dabei: Das mit dem Selbstreferenziellen in meinem Galeristenalltag scheint irgendwie nicht hinzuhauen, sondern&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"footnotes":""},"categories":[10],"tags":[],"class_list":["post-6486","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-blog"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/cundkgalerie.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6486","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/cundkgalerie.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/cundkgalerie.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/cundkgalerie.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/cundkgalerie.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6486"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/cundkgalerie.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6486\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10467,"href":"https:\/\/cundkgalerie.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6486\/revisions\/10467"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/cundkgalerie.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6486"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/cundkgalerie.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6486"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/cundkgalerie.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6486"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}