{"id":3270,"date":"2017-03-05T19:22:54","date_gmt":"2017-03-05T18:22:54","guid":{"rendered":"http:\/\/cundkgalerie.de\/txm\/?p=3270"},"modified":"2021-03-18T17:41:43","modified_gmt":"2021-03-18T16:41:43","slug":"august-2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/cundkgalerie.de\/en\/august-2016\/","title":{"rendered":"El siglo del oro im d\u00fcsteren Gewand<br>August 2016"},"content":{"rendered":"<p><strong>El siglo de oro im d\u00fcsteren Gewand<\/strong><\/p>\n<p>Mit Velasquez lockt die Gem\u00e4ldegalerie in eine einmalige Ausstellung ins Kulturforum. Seine wunderbare Malerei habe ich aus dem Prado im Kopf, besonders Isabella von Frankreich zu Pferd. Ihr Gewand, das lang und weit wie ein Teppich \u00fcber das Pferd f\u00e4llt und die Pferdecke, auf der sie sitzt, sind zum Greifen nah, unglaublich meisterhaft ist die malerische Umsetzung der Faltenw\u00fcrfe und der opulenten Ornamentik.<br \/>\nNun sind die gro\u00dfen Spanier in Berlin und ich betrete erwartungsvoll die gut besuchte Ausstellung: Nach El Greco sehe ich als eines der ersten Bilder die \u201eDreifaltigkeit\u201c von Luis Trist\u00e1n. Gott greift seinem leidenden Sohn mit den Stigmata des Kreuzes von hinten unter die Arme, h\u00e4lt ihn so fest, und ich frage mich wie Navid Kermani diese unendliche Schmerzensmiene beschrieben h\u00e4tte, wenn dieses Bild Einzug in sein Buch \u201eUngl\u00e4ubiges Staunen\u201c gehalten h\u00e4tte.<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p>Die unglaublich dreckigen Fu\u00dfn\u00e4gel des Paulus in einem Gem\u00e4lde von Franciso Ribalta gefallen mir schon wesentlich besser, besonders im Kontrast zu dem roten Tuch, das er \u00fcber sein Gewand geworfen hat. Hier kommt einer aus dem Leben. Fast alle anderen Besucher gehen mit dem Audioguide durch die Ausstellung, ob der auch auf die schwarzen Fu\u00dfn\u00e4gel hinweist, frage ich mich. Der von Jusepe de Ribera portr\u00e4tierte Mann blickt mit einem unglaublich verzweifelten, misstrauischen und traurigen Blick zur Seite, als siglo del oro kann er seine Lebenszeit nicht empfunden haben. Auch Riberas Madonna mit dem Kind und dem Heiligen Bruno sehen alles andere als lebensfroh aus, Bruno schaut so verbiestert und bedrohlich von unten nach oben zu Maria auf, dass es mir eiskalt den R\u00fccken herunterl\u00e4uft. F\u00fchrt der wirklich nur Gutes im Schilde? Auch der Gottesmutter scheint ihre Lieblichkeit abhandengekommen zu sein, schaut sie doch ebenfalls \u00e4u\u00dferst kritisch drein. Sie h\u00e4lt nicht nur ihr Kind auf dem Arm, sondern aus den Wolken unter und \u00fcber ihr wachsen weitere Kinderk\u00f6pfe hervor wie in einem Gruselfilm. Empathie f\u00fcreinander ist hier nirgendwo zu sp\u00fcren, obwohl das doch ein Wesenskern der Heiligen sein m\u00fcsste, oder? Irgendetwas muss ich hier falsch verstehen, wahrscheinlich h\u00e4tte ich mir auch einen Audioguide aufsetzen m\u00fcssen, damit ich mich nicht so von meinen eigenen Eindr\u00fccken treiben lasse, die wahrscheinlich mit der Kunstgeschichte nicht allzu viel zu tun haben.<br \/>\nDann endlich ein helles Bild, in dem das Wei\u00dfe dominiert: Francisco Pacheco \u201eDie Landung der von Petrus Nolascus befreiten Christen\u201c, alle tragen sie hier wei\u00dfe Gew\u00e4nder, es ist wie ein Aufatmen, eine Befreiung nicht nur aus der Gefangenschaft, sondern ebenso aus der D\u00fcsternis der Farben. Doch gleich folgen die Skulpturen des Ignatius von Loyala, der sein Kreuz in der Hand den Arm nach vorne streckend so festh\u00e4lt, als wolle er einen damit bedrohen oder lieber gleich erschlagen. Ich gehe lieber in Deckung bzw. weiter, verharren m\u00f6chte ich davor nicht. Ein paar Schritte weiter dann Zurbar\u00e1n, auch so ein meisterlicher Maler, wie z.B. die Konturen der dunkelbraunen Kutte des Heiligen Franziskus in den dunklen Hintergrund \u00fcbergehen, ist grandios. Nur was f\u00fcr ein d\u00fcsterer Zeitgenosse ist das, die H\u00e4nde in den Armen der Kutte vergraben, kann man sich nicht vorstellen, dass er der Verfasser des Sonnengesangs ist. Das bekannte Bild, wie Franziskus in freier Natur die V\u00f6gel f\u00fcttert, schiebt sich in meinen Gedanken vor dieses dunkle furchteinfl\u00f6\u00dfende Gem\u00e4lde. Der Tonus dieser Bilder scheint Zeugnis davon zu geben, dass die politischen und gesellschaftlichen Zust\u00e4nde dieser Zeit alles andere als golden waren. Wie steht es mit der Lebensfreude des so knackig gebauten Mars von Velasquez? Eigentlich \u00e4u\u00dferst erotisch dahindrapiert, ist doch jeglicher Tatendrang aus seinem Blick gewichen, in sich gekehrt und deprimiert wirkt er, ein bisschen wie in sich selbst gefangen, ein wunderbarer K\u00f6rper, der weder Lust auf Krieg noch den Geschlechtsakt hat. Fast heiter wirken die B\u00fccher in dem B\u00fccherstilleben eines unbekannten K\u00fcnstlers, Einiges vom Leben scheint sich hier eingeschrieben zu haben, die Seiten sind geknickt, die Ecken zerfleddert. Das Bild ist mir sympathisch. Auch das Stillleben mit Schachteln und Gef\u00e4\u00dfen von Juan van der Hamen y Le\u00f3n macht mir wieder Mut. Zwei verschlossene Schachteln erscheinen im hellen Licht, was mag darin sein? Darauf steht ein Glas mit eingelegten Fr\u00fcchten o.\u00e4., ein Silberl\u00f6ffel dazu. Es scheint mir das erste Bild in der Ausstellung zu sein, das Lebensfreude erlaubt und andeutet. Und dann entdecke ich das kleine Bild der nackten Fortuna von Rubens, die ihren wei\u00dfen Schleier durch die Luft wirft. Ich denke, die muss aber t\u00fcchtig wirbeln, um sich das Finstere um sie herum vom Leibe zu halten.<br \/>\nJedoch wenige Schritte weiter, wird der Hoffnungsstrahl zerschmettert und der Gipfel der Brutalit\u00e4t tut sich auf: Pedro N\u00fanez del Valle \u201eJael und Sisera\u201c. Ein Mann liegt am Boden, versucht sich zu wehren, doch er kann dem Messer, das ihm eine Frau an die Schl\u00e4fe gesetzt hat und auf dessen Knauf sie mit einem Hammer eindrischt, nicht entkommen. Sp\u00e4ter lese ich nach, dass es sich um einen Zeltpflock handelt, den Jael dem Feind Israels, Sisera, in die Schl\u00e4fe rammt. Die gro\u00dfen Skulpturen \u201eDer Gang zum Kalvarienberg\u201c von Greg\u00f3rio Fernandez lassen mir das dumpfe dunkle Trommeln bei den Karfreitagsprozessionen in Sevilla aus der Erinnerung in den Ohren klingen, das einem Schauer \u00fcber den R\u00fccken treibt, wenn man in den Stra\u00dfen Sevillas steht bei diesem Spektakel. Sie k\u00fcndigen von bedrohlichen Zeiten.<br \/>\nDas gemalte Schwei\u00dftuch der Heiligen Veronika von Zurbar\u00e1n im selben Raum erscheint wie eine moderne abstrakte Arbeit und wird so ein wohltuender Abschluss.<br \/>\nIch glaube, ich bin wirklich Kermani-infiziert durch die Ausstellung gegangen und w\u00fcnschte mir, ich k\u00f6nnte ein zweites Mal mit ihm pers\u00f6nlich hindurchgehen und \u201eungl\u00e4ubig staunen\u201c. Dann w\u00e4re nicht alles so d\u00fcster und bedrohlich.<\/p>\n<p>Christiane B\u00fchling<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>El siglo de oro im d\u00fcsteren Gewand Mit Velasquez lockt die Gem\u00e4ldegalerie in eine einmalige Ausstellung ins Kulturforum. 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