{"id":3254,"date":"2017-03-05T19:17:03","date_gmt":"2017-03-05T18:17:03","guid":{"rendered":"http:\/\/cundkgalerie.de\/txm\/?p=3254"},"modified":"2018-03-24T11:53:25","modified_gmt":"2018-03-24T10:53:25","slug":"september-2014","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/cundkgalerie.de\/en\/september-2014\/","title":{"rendered":"Pl\u00e4doyer f\u00fcr Wunden und Risse<br>September 2014"},"content":{"rendered":"<p><strong>Pl\u00e4doyer f\u00fcr Wunden und Risse<\/strong><\/p>\n<p>Mein Freund Alexander Seiler schickt mir heute den Link zu einem ZEIT-ONLINE Interview (zeit.de\/zeit-wissen\/2014\/05\/byung-chul-han-philosophie-neoliberalismus) mit dem Berliner Philosophen Byung-Chul Han. Ich kannte ihn bisher nicht, aber nach dem Lesen des kurzen Interviews, bin ich sofort sein Fan. Er bekommt von mir den gedanklichen Like-Button, \u00fcber dessen Existenz er sich kritisch \u00e4u\u00dfert. Er vergleicht die Gef\u00e4lligkeit unseres Zeitalters in der Liebe, der Kunst und in der der Politik. Letztlich ist alles nur noch glatt.<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p>\u201eBei Jeff Koons\u2019 Skulpturen gibt es keine Verletzung, keine Br\u00fcche, keine Risse, keine Bruchstellen, keine scharfen Kanten, auch keine N\u00e4hte. Alles flie\u00dft in weichen, glatten \u00dcberg\u00e4ngen. Alles wirkt abgerundet, abgeschliffen, gegl\u00e4ttet \u2013 Jeff Koons\u2019 Kunst gilt glatter Oberfl\u00e4che. Heute entsteht eine \u201eKultur der Gef\u00e4lligkeit\u201c, kommentiert Byung-Chul Han.<br \/>\nWie passend, dass wir gerade eine Ausstellung mit dem Titel <strong>\u201eRiss\u201c<\/strong> zeigen. Die beiden K\u00fcnstler <strong>Ali Kaaf und Said Baalbaki <\/strong>lassen die Verletzungen zu, sie haben sie in ihren Biografien erlebt \u2013 Ali Kaaf stammt aus Syrien, Said Baalbaki aus dem Libanon \u2013 und sie flie\u00dfen in ihre Kunst ein, sind vielleicht sogar eine der Antriebsfedern f\u00fcr ihr Schaffen.<br \/>\nSaid Baalbaki zeigt den verwundeten Traum von seinem Libanon: Mon (t) Liban. Die Gebirgskette des Libanons, die schon zu biblischen Zeiten f\u00fcr die Sch\u00f6nheit dieses Landes und dieser Landschaft stand, wird mit der Realit\u00e4t konfrontiert. Die Heimat und die Erinnerung an sie ist mit viel Schmerz und Leid verbunden, die Koffer, Jacken, Alltagsgegenst\u00e4nde stapeln sich auch zu einem Mont Liban und so stehen sich beide gegen\u00fcber: die Idylle des Berges, der Schutt der vermeintlichen Zivilisation. Der Maler schafft sich eine k\u00fcnstlerische Identit\u00e4t, indem er die Fl\u00e4chen und die Farben zu einer neuen Welt anh\u00e4uft. Die alte Lutherbibel mit dem sch\u00f6nen Stich vom Berg Libanons steht der Skulptur gegen\u00fcber, die die wenigen verbliebenen Gegenst\u00e4nde aus einem zerst\u00f6rten Haus, einem zerst\u00f6rten Leben anh\u00e4uft. Wie eine sch\u00fctzende Decke oder ein erdr\u00fcckender Albtraum w\u00f6lbt sich wiederum der Mont Liban dar\u00fcber. Die letzten Utensilien eines menschlichen Haushalts, wie ein Kochtopf, Pfannen, L\u00f6ffel und Amphoren befinden sich darunter, dem endg\u00fcltigen Untergang geweiht oder zusammengeschurrt f\u00fcr einen Neuanfang.<br \/>\nGlatt ist hier jedenfalls nichts.<br \/>\nAuch bei Ali Kaaf nicht, der k\u00fcnstlerisch ganz anders arbeitet und vorgeht. Biografisches Verarbeiten ist hier vordergr\u00fcndig nicht ersichtlich, aber auch er taucht tief ein in die Schnittstellen zwischen Wunden und Heilung. Er zerst\u00f6rt sein Papier mit Feuer, geht ein Risiko ein, um genau den f\u00fcr ihn als K\u00fcnstler richtigen Punkt zu finden, an dem er es wieder l\u00f6scht. So kann f\u00fcr den Moment der Kunst ein Raum entstehen, der das Nichts, den Wunsch beinhaltet. Aber das geht erst nach einer Verbrennung, einem Wunden zuf\u00fchren, nicht mit polieren. Wenn er auf einem zweiten dahinter gesetzten Papier die Form wieder erg\u00e4nzt, ist es jedoch eine ganz andere geworden, ihre Kanten kommen nie wieder aneinander, sie sind jetzt zwei und doch eins. Alleine funktionieren sie nicht. Sie sind verletzt, unvollst\u00e4ndig allein und suchen die Vollkommenheit in der Vereinigung mit dem Anderen, dem Andersartigen. Dualit\u00e4t in der Kunst wie auch im Leben.<br \/>\nDie Abwesenheit dessen, was verbrannt wurde wird ebenfalls zum Bildgegenstand, wir sollen es sp\u00fcren, das abwesend-Anwesende.<br \/>\nDen kriegerischen Helm aus Metall, der vor Verwundungen sch\u00fctzen soll, verkehrt Ali Kaaf in eine Glasskulptur, die Zerbrechlichkeit per se. Die Lichteffekte, die an einigen durchscheinenden Stellen das kompakte Schwarz aufbrechen, lassen vielleicht ein paar zarte Hoffnungsstrahlen zu.<\/p>\n<p>Nachdem ich diese Zeilen in den Computer getippt habe und mich auf den Heimweg mache, werde ich von einem jungen Mann mit libanesischem Wurzeln angesprochen, er steht an einem Infostand der UNHCR Fl\u00fcchtlingshilfe. Ich bin bepackt, will nach Hause und bin \u00fcberhaupt keine Freundin davon, auf der Stra\u00dfe angequatscht zu werden, werde dann meist sehr barsch. Aber der Student schafft es, mich dazu zu bewegen, ihm und seinem Anliegen, n\u00e4mlich die Unterst\u00fctzung des internationalen Fl\u00fcchtlingswerks, zuzuh\u00f6ren. Der Riss im wirklichen Leben breitet sich vor mir aus, 40 Millionen Menschen sind der Zeit auf der Flucht. Sie haben wirklich andere Probleme als einen Kratzer auf ihrem I-Phone (s. Byung-Chul Han). Ich erz\u00e4hle dem jungen Mann von der Installation seines Landsmannes Said Baalbaki und gebe ihm die Einladungskarte der Ausstellung. Ich ziehe davon mit einer unterschriebenen Erkl\u00e4rung, UNHCR zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pl\u00e4doyer f\u00fcr Wunden und Risse Mein Freund Alexander Seiler schickt mir heute den Link zu einem ZEIT-ONLINE Interview (zeit.de\/zeit-wissen\/2014\/05\/byung-chul-han-philosophie-neoliberalismus) mit&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"footnotes":""},"categories":[10],"tags":[],"class_list":["post-3254","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-blog"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/cundkgalerie.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3254","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/cundkgalerie.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/cundkgalerie.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/cundkgalerie.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/cundkgalerie.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3254"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/cundkgalerie.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3254\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5265,"href":"https:\/\/cundkgalerie.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3254\/revisions\/5265"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/cundkgalerie.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3254"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/cundkgalerie.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3254"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/cundkgalerie.de\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3254"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}