{"id":10756,"date":"2021-07-19T10:44:40","date_gmt":"2021-07-19T08:44:40","guid":{"rendered":"https:\/\/cundkgalerie.de\/?p=10756"},"modified":"2021-08-02T12:19:48","modified_gmt":"2021-08-02T10:19:48","slug":"flaneurin-zwischen-terminenjuli-2021","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/cundkgalerie.de\/en\/flaneurin-zwischen-terminenjuli-2021\/","title":{"rendered":"Flaneurin zwischen Terminen<br>Juli 2021"},"content":{"rendered":"<p>Wir sind darauf konditioniert, Termine dicht in den Kalender zu dr\u00e4ngen, damit wir keine Zeit verplempern. Sind es au\u00dfer Haus Verabredungen taktet man sie so, dass m\u00f6glichst keine L\u00fccken zwischen ihnen entstehen. Wie sch\u00f6n, dass dies an einem Dienstag im Juli nicht funktionierte, weil die anderen nicht so Zeit hatten, dass sich alles nahtlos aneinanderf\u00fcgte. Es gab Zeitfenster, in denen ich mich rund um die Kochstra\u00dfe\/Zimmerstra\u00dfe bis zur Berlinischen Galerie in der Alten Jakobstra\u00dfe schlendernd treiben lassen konnte. Ein wunderbarer Luxus.<br \/>\nDer Tag begann mit einem privaten Gang mit meiner alten Mutter zum Augenarzt auf der R\u00fcckseite des alten Axel- Springer-Hauses. Das Caf\u00e9 in der Zimmerstra\u00dfe, in das wir uns anschlie\u00dfend setzten, sp\u00fclte die jungen Leute aus den umliegenden schicken B\u00fcros f\u00fcr eine Pause hierher. Wie heute so h\u00e4ufig an solchen Orten fanden die Gespr\u00e4che nicht nur auf Deutsch, sondern auch auf Englisch oder Spanisch statt oder man h\u00f6rte einen deutlichen Akzent der Deutsch sprechenden Akteure. Erst sp\u00e4ter f\u00fcgte sich diese relativ banale Beobachtung in meine Wahrnehmungen dieses Vormittags.<br \/>\nAn der Infostele \u00fcber Peter Fechter vorbei, der 18 j\u00e4hrig im Mauerstreifen vor den Augen der \u00d6ffentlichkeit verblutete, treffe ich auf die Restposten des Checkpoint Charlie. Er wirkt wie eine von Disney nachgebaute Reminiszenz, die ersten Nach-Corona-Touristen fotografieren sich schon wieder in ihren Posen. Die klaffende Wunde der Stadt und in den Herzen vieler Menschen sp\u00fcre ich hier nicht mehr, da muss man schon die Tafel \u00fcber Peter Fechter wahrnehmen, die die Vergangenheit noch richtig wehtun l\u00e4sst.<br \/>\nWenig sp\u00e4ter setze ich mich auf eine Bank, das ehemalige Mossehaus \u2013 heute Mosse-Zentrum \u2013 im Blick. Im Gesamtensemble dominieren die Stilelemente der Gr\u00fcnderzeit, doch die Spuren der Zeit mit Umbauten, Aufstockung sind sichtbar. Schichtungen und Wirrungen der Geschichte manifestieren sich. Vom einstigen Herausgeber des Berliner Tageblatts Rudolf Mosse erbaut, wird es nach dem 1. Weltkrieg w\u00e4hrend der Spartakusaufst\u00e4nde besch\u00e4digt, im 2. Weltkrieg ebenso, zu DDR-Zeiten ist es Druckkombinat, in den 90er Jahren wird es erneut umgebaut f\u00fcr repr\u00e4sentative internationale Firmensitze. Ein Rundumschlag eines Jahrhunderts der deutschen Geschichte in einem Geb\u00e4ude.<br \/>\nDie Balkenhol-Skulptur am Axel-Springer-Haus habe ich bisher nur im Vor\u00fcberfahren wahrgenommen, heute stehe ich davor: \u201eBalance\u201c. Die Figur hat nur einen Fu\u00df auf dem hohen Sockel, der andere h\u00e4ngt in der Luft. Ein passendes Bild f\u00fcr die Gegenwart denke ich, wirklichen Boden unter den F\u00fc\u00dfen hat unsere Gesellschaft und Welt nicht gerade, vieles ist in der Schwebe, offen, ungekl\u00e4rt, be\u00e4ngstigend. Welche Geste Axel Springers hier zu Beginn der 60er Jahre genau an der Sektorengrenze den Sitz seines Konzerns gebaut zu haben. Auf die Teilung spielt die Skulptur urspr\u00fcnglich an. Das neue Kohlhaas Geb\u00e4ude blitzt als modernes Flaggschiff, ein Kraft- und Machtprotz. Weiter Richtung Moritzplatz gehend, lasse ich mich in einem t\u00fcrkischen Caf\u00e9 fallen. Was f\u00fcr eine andere Welt nur wenige Meter entfernt vom Medienspektakel. Deutsche Kiezfrauen sitzen hier gem\u00fctlich \u00fcber einfachen Spaghetti und plaudern. Es macht den Eindruck, als k\u00e4men sie hier regelm\u00e4\u00dfig zusammen. Passanten, die vor\u00fcbergehen gr\u00fc\u00dfen und halten einen Plausch mit ihnen. Der t\u00fcrkische Wirt bietet seinen deutschen Landsleuten einen Treff, die leckeren B\u00f6reks, die ich in der Theke entdecke, sehe ich allerdings nirgendwo auf den Tellern. Er kommt ihnen kulinarisch entgegen. Auf dem Weg zur Toilette steige ich \u00fcber Plastikfolien und Flaschenstapel durch die K\u00fcche. Auf einer kleinen elektrischen Herdplatte wird in einer Kasserolle gerade eine Nudelso\u00dfe erw\u00e4rmt. Wo kocht er nur die Nudeln frage ich mich? F\u00fcr die menschliche entspannte Atmosph\u00e4re hier ist das wohl komplett unerheblich.<br \/>\nIch laufe zu meiner letzten Station heute, der Berlinischen Galerie, um am Schlie\u00dftag des Museums eine Grafik abzuholen. Die Vorpf\u00f6rtnerin sitzt an dem offenen Tor zum Parkplatz auf einem bunten Schemel. Sie freut sich, dass ich sie anspreche, geht mit mir zum n\u00e4chsten Pf\u00f6rtner und tr\u00e4gt mein Anliegen vor. Als sie wieder auf ihrem Hocker sitzt, w\u00e4hrend ich warte, sehe ich ein Eichh\u00f6rnchen auf sie zulaufen. Wie eine Filmsequenz, die einen ohne weitere Erkl\u00e4rungen ber\u00fchrt. Wider Erwarten werde ich nicht in einem B\u00fcro empfangen, sondern durch die geschlossenen und unbeleuchteten Ausstellungsr\u00e4ume gelotst. Im Depot der Grafischen Sammlung, ein lang gezogener Raum, der nichts beherbergt au\u00dfer Grafikschr\u00e4nke, \u00fcberschlage ich schnell deren Anzahl, ca. 50 St\u00fcck. Hier m\u00f6chte ich ein paar Tage eingeschlossen werden und \u00fcberall mal die Schubladen aufziehen. In Zeiten, wo ohne Rechner keinerlei B\u00fcroarbeit mehr l\u00e4uft, best\u00e4tige ich auf einem handgeschriebenen Blatt den Erhalt der Grafik. Auf dem Weg hinaus laufen wir direkt auf das Bild \u201eSynthetischer Musiker\u201c von Iwan Puni zu. Ich erinnere mich an den Spendenaufruf f\u00fcr diese Arbeit zu Beginn der 90er Jahre, als junge Frau zu Beginn ihres Berufslebens \u00fcberwies ich 20 DM. Heute strahlt er mich aus der Dunkelheit an.<br \/>\nDie Zeitfenster dieses Tages haben mich \u201emein\u201c Berlin wieder sp\u00fcren lassen mit all den Widerspr\u00fcchen, den Ablagerungen der Geschichte, den Hoffnungen und Zerw\u00fcrfnissen. Manchmal vermisse ich es zwischen den luxuri\u00f6sen Neubauten. Heute konnte ich es wieder lieben.<\/p>\n<p>Christiane B\u00fchling<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir sind darauf konditioniert, Termine dicht in den Kalender zu dr\u00e4ngen, damit wir keine Zeit verplempern. 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